In 7 Monaten 100 Menschen zu Wohnraum verholfen

Leuchtende Beispiele
Petra Mühling von Münchner Freiwillige - Wir helfen übergibt einen Wohnungsschlüssel
10.12.2017

In 7 Monaten 100 Menschen zu Wohnraum verholfen

Am Münchner Wohnmarkt verzweifelt jeder normale Mensch - Münchner Freiwillige - wir helfen e.V. hat einen Weg gefunden, Flüchtlingen und sozial Schwachen trotzdem zu Wohnraum zu verhelfen. Und damit sind sie recht erfolgreich.

Masi strahlt über beide Ohren. Petra auch. Sie überreicht ihm den Schlüssel zu seiner neuen Wohnung. Beide sitzen am Besprechungstisch des quietschebunt gestrichenen Freiwilligenladen von Münchner Freiwillige - Wir helfen e.V.. Masi hat fast zwei Jahre lang gesucht. Über Social Bee hat er einen Job gefunden und spricht schon sehr gut Deutsch.

Ich dachte ich bekomme nie eine Wohnung. In München ist es schwierig.

100 Menschen in 7 Monaten

Masi ist nicht der Erste, dem Petra einen Wohnungsschlüssel dieses Jahr überreichen konnte. Knapp 100 Menschen hat sie und die Ehrenamtlichen von Münchner Freiwillige - Wir helfen e.V. aus der Wohnungslosigkeit geholfen. Und das zu gerade mal einem Kostenfaktor von 300€ pro Person. "Allerdings haben wir den Betrag nach etwa vier bis sechs Monaten wieder drin", sagt Petra. Doch wie macht der Verein das?

Im Prinzip begreifen wir uns als Dienstleister für Vermieter. Alle fragten immer danach was Mieter wollen - wir haben uns gefragt was Vermieter wollen.

Und tatsächlich: möglichst keine Arbeit, eine Absicherung für Schäden die höher sind als die Kaution und eine Absicherung vor Mietausfällen - dafür geben Vermieter ihre Wohnung auch unter Marktpreis weiter. Der Verein mietet die Wohnungen an. Anschließend sucht er passende Mieterinnen und Mieter - und berücksichtigt dabei sowohl Schnitt der Wohnung als auch Wünsche des Vermieters. "Die meisten haben eine Person und suchen dazu eine Wohnung. Bei uns ist es andersrum. Wir haben eine Wohnung - und wir suchen dann Menschen, die dazu passen. Zwei alleinerziehende Mütter/Väter, eine WG, eine Großfamilie oder ein junges Ehepaar."

Der Verein mietet und trägt das Risiko

Der Verein vermietet die ihm überlassenen Wohnungen unter. Allerdings nicht zum Preis den der Wohnungseigentümer dem Verein anbietet. "Wir übernehmen ja ein massives Risiko. Deshalb bilden wir Rücklagen. Für Schäden, die entstehen, für Mietausfälle etc.. Für das meiste haben wir Versicherungen abgeschlossen. Und im kleinen Rahmen haben wir selbst Verwaltungskosten." Natürlich verlangt der Verein keine Wucherpreise. Die Wohnungen vermietet er zum aktuellen Quadratmeterpreis weiter. "Die Marge die entsteht ist minimal. Wer zum Beispiel ALG II bezieht kann bei uns immer noch einziehen. Wegen solchen Fällen brauchen wir ja auch einen Puffer", erklärt die stellvertretende Vorsitzende des Vereins. "Bis das Amt die erste Miete und die Kaution überwiesen hat, ist man schon mal mehrere Wochen oder Monate in der Auslage. Danach kommt das Geld zuverlässig, aber den Zeitraum dazwischen müssen wir überbrücken. Das können sich viele Vermieter gar nicht leisten."

Viele Vermieter sind sozial eingestellt - haben aber Angst

Denn es sind nicht die großen Bauträger die ihre Wohnung an den Verein vermieten. Sondern meist selbst ganz normale Leute, die ein oder zwei Wohnungen irgendwo in der Stadt geerbt haben, aber gar nicht in München leben. "Viele sind sozial eingestellt, haben aber schon mal eine böse Erfahrung gemacht. Sie sind erst skeptisch, freuen sich dann aber, dass es mit uns eine Möglichkeit gibt, die eigene Wohnung "normalen" Menschen zugänglich zu machen", erklärt Petra.

Und wenn eine Wohnung zwar angeboten wird, der Vermieter aber nicht unter den Marktpreis gehen will? "Wir zahlen keine Miete, die über dem aktuellen Marktpreis liegt. Zwei Mal haben wir aber auch Wohnungen ohne Gewinn angemietet. Da lagen dringende medizinische Gründe vor, warum eine Familie schnell eine Wohnung brauchte." Ab und zu könne man das machen, aber das dürften nur die Ausnahmen sein. Ansonsten kann der Verein das Risiko nicht abpuffern.

Manche finden es ungerecht, die Wohnungen teurer weiter zu vermieten, als sie angemietet werden. Petra und ihr Vorstand können die Kritik nicht verstehen. "Wir machen Wohnraum in München nicht teurer als er ist. Und im Gegensatz zu überteuerten Wohnpauschalen in Unterkunftscontainern hat man bei uns eine solide Wohnung und wohnt mitten in einer ganz normalen Nachbarschaft. Das arbeitet Ghettoisierung entgegen und ermöglicht echte Integration." Sie betont, dass hinter dem Projekt viel Zeitaufwand steht. Die Vermieter würden regulär ihre Wohnung nicht günstiger in den Markt geben. Die Ehrenamtlichen von Münchner Freiwillige - Wir helfen e.V. statten den Vermietern oft drei bis vier Besuche ab, bis sie ihr Vertrauen gewinnen.

Freiwilligenladen Tumblingerstrasse 50

Die Finanzierung endet bald

Dennoch hat das Projekt derzeit ein Liquiditätsproblem. Bald schon könnten die Wohnungsanmietungen vorerst stoppen. "Dabei kommt es gerade so richtig in Fahrt!", seufzt Petra. Denn aktuell muss der Verein die Kautionen aus Spendenmitteln aufwenden. Die Kautionen der Untermieter darf der Verein nicht an den Vermieter weitergeben, sondern muss sie separat anmieten. "Deshalb brauchen wir momentan mehr Spenden. Denn bald ist unser Volumen aufgebraucht." Dauerhaft sucht der Verein allerdings nach einer Bank für Kautionsdarlehen. "Dann würden die Spendenmittel auch wieder frei um damit neue Wohnungen anzumieten, Küchen abzulösen oder andere Vereinsprojekte zu finanzieren."

Unterstützung und Raum für alle Ehrenamtlichen

Beispielsweise den Freiwilligenladen. In der Tumblingerstrasse 50 können alle Ehrenamtlichen in der Flüchtlingshilfe und Integrationsarbeit, aber "auch alle anderen die sich unentgeltlich für eine gute Sache in München einsetzen" treffen und arbeiten - kostenlos. Der Verein verlangt für den Raum keine Überlassungsgebühr. "Wir freuen uns über Spenden. Aber wir wollen, dass jeder Münchner und jede Münchnerin möglichst spontan ehrenamtlich etwas Gutes anpacken kann. Deshalb kann man hier täglich kostenlos den Raum zum arbeiten und besprechen benutzen, inklusive Wasser, Tee und Moderationsmaterial", schildert Max Mayer, stellvertretender Vorsitzender. Sei Kurzem gibt es auch eine Bibliothek mit allen erdenklichen Infos rund um Ehrenamt, Veranstaltungsplanung, Vereinsmanagement, Öffentlichkeitsarbeit im Sozialbereich und vieles mehr. "Zu den Öffnungszeiten kann man spontan kommen. Ansonsten vorher schreiben. Und wer andere kennenlernen möchte und sich einem Projekt anschließen, der kommt am Besten zum monatlichen Stammtisch. Wann der ist, steht auf unserer Webseite."


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Triz Heider
ist Diplom Sozialpädagogin (FH) und war bis 04/18 stellvertretende Leitung des Netzwerk-Teams Willkommen-in-München.de