Malteser Hilfsdienst e.V. – Interview mit Sophie Hédon und Rahel Wacker

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Patin mit Geflüchtetem am PC im EDV-Kurs München
03.05.2018

Malteser Hilfsdienst e.V. – Interview mit Sophie Hédon und Rahel Wacker

Der Malteser Hilfsdienst e.V. ist in München auf unterschiedliche Weise karitativ und sozial tätig. Als Teil einer weltweiten Organisation, die ihren Ursprung im vor 900 Jahren gegründeten Malteser Orden hat, gibt es den Malteser Hilfsdienst seit über 50 Jahren auch in München. Leitspruch der Malteser ist: Bezeugung des Glaubens und Hilfe den Bedürftigen.

Neben Katastrophenschutz, Rettungsdienst, Krankentransport und Diensten für Senioren und Bedürftigen, unterstützt der Malteser Hilfsdienst auch Geflüchtete im Landkreis und im Stadtgebiet München.

Sophie Hédon und Rahel Wacker unterstützen bei den Maltesern hauptberuflich Geflüchtete. Im Interview erzählen sie von ihrer Arbeit.

  • Geflüchtete am PC im EDV-Kurs München
  • Pate mit Geflüchtetem am PC im EDV-Kurs München
  • Geflüchtete Männer am PC im EDV-Kurs München
  • Geflüchtete Frauen am PC im EDV-Kurs München

Malteser – Hilfe für Geflüchtete

Willkommen-in-München.de (W-in-M): Wie unterstützen die Malteser Geflüchtete in München und im Landkreis? Was macht ihr konkret?

Sophie Hédon (SH): Wir haben uns auf die Unterstützung bei der beruflichen Integration fokussiert. Wir helfen Geflüchteten, die eine Ausbildung, ein Praktikum oder eine Arbeitsstelle suchen. Wir helfen, diese auch tatsächlich zu finden und die entscheidenden Schritte davor zu machen. D.h. sich zu orientieren, einen Berufswunsch zu entwickeln, sich dafür - soweit es möglich ist - zu qualifizieren, einen Arbeitgeber zu finden und sich konkret zu bewerben.

Rahel Wacker (RW): Konkrete Projekte sind das Jobmentoren-Programm und die EDV-Grundkompetenzkurse für Geflüchtete. Im EDV-Kurs ist die Zielgruppe Personen, die so gut wie noch nie mit dem Computer gearbeitet haben. Wenn nötig, wird die Hardware erklärt und tippen und Klicken mit der Mouse geübt. Manche haben schon am Computer gesessen und die Handhabung für E-Mails oder beim Spielen gelernt, aber noch nie mit Word gearbeitet in dem Sinne, dass sie eine Bewerbung alleine schreiben oder auch pdf-Dateien an Emails anhängen können. Dies gibt es jetzt in München in drei Kursen (je 1½ bis 2 Stunden) und wird aktuell auch in Penzberg aufgebaut. Des Weiteren gibt es in Erding Interesse. Wir sind bemüht, das, was wir haben, auch ins Umland zu bringen. In München Stadt gibt es viele unterschiedliche Angebote. Sobald man aber in ländliche Gebiete kommt, wird es schnell sehr karg bezüglich Angebote für Geflüchtete. Dort wollen wir etwas aufbauen und haben an Stellen, wo es Malteser Standorte gibt, auch bereits Kontakte geknüpft.

W-in-M: Wieso können Geflüchtete nicht mit dem Computer umgehen, wenn sie doch manchmal Teile ihrer Flucht mit dem Smartphone geplant haben bzw. ihr Smartphone auf der Flucht mit dabei hatten, um den Weg zu finden?

SH: Es gibt viele Geflüchtete, die perfekt mit dem Computer umgehen können. Aber die kommen nicht zu uns. Sie brauchen keine Computerunterstützung. Aber es gibt auch Geflüchtete, die aus ärmeren Ländern kommen oder aus ländlichen Gegenden und die sehr wenig Erfahrung mit Computern gehabt haben. Die meisten haben zwar ein Smartphone, aber wir haben mitbekommen, dass sie nicht wirklich wissen, wie sie es benutzen können. Sie nutzen es, um SMS zu schreiben, für WhatsApp und zum Telefonieren. Sobald es allerdings in Richtung Internet und E-Mailverwaltung geht, wird es schwierig.

RW: Wenn sie aus einem kleinen Dorf in Afghanistan in den Bergen kommen, wo es kaum Infrastruktur gibt, wachsen sie ohne Computer, Internet und Smartphone auf. Deshalb haben manche, die zu uns kommen, noch wenige Kompetenzen in diesem Bereich.

W-in-M: Die Bayerische Landesregierung teilt die Leute auf in ‚hohe Bleibeperspektive‘ und ‚geringe Bleibeperspektive‘. Wie sieht es bei euch aus? Sind bei euch Leute mit hoher Bleibeperspektive oder anerkannte Flüchtlinge, die einen Job suchen?

RW: Es ist ziemlich durchmischt. Viele, die bei uns sind, suchen gerade eine Ausbildung. Es sind viele dabei, die keine hohe Bleibeperspektive haben und die Erlaubnis zu bleiben über andere Wege suchen. Primär über die Ausbildungsduldung. Andere suchen eine Ausbildung, weil sie nun ihr B1- oder B2-Zertifikat haben und sich für eine Ausbildung gut vorbereitet fühlen.

Erst mal ohne Unterschied der Bleibeperspektive

SH: Grundsätzlich kann jeder teilnehmen. Jeder ist willkommen. Wir machen bei uns keinen Unterschied zwischen anerkannt oder nicht und auch nicht in Bezug auf die Bleibeperspektive. Wir merken, dass es in der Stadt schon viele Angebote für anerkannte Flüchtlinge gibt und darum kommen zu uns vielleicht eher Nichtanerkannte, weil hier die Angebote rar sind.

W-in-M: Zu euch kann jeder kommen?

SH: Ja. Allerdings macht es für das Job Mentoring-Programm, in dem es darum geht eine Arbeit oder eine Ausbildung zu finden keinen Sinn, wenn vorher klar ist, dass der Flüchtling keine Chance auf eine Arbeitserlaubnis hat.

Die Ehrenamtlichen

W-in-M: Ihr arbeitet auch sehr stark mit Ehrenamtlichen. Was sind die Tätigkeiten von Ehrenamtlichen bei euch?

RW: Beim Job Mentoring findet ein Matching statt. Wenn z.B. jemand Fachinformatiker werden möchte und wir eine ehrenamtliche Person haben, die im IT-Bereich arbeitet, dann versuchen wir diese Leute zusammen zu bringen. Es gibt ein erstes Treffen und wenn die Chemie stimmt, wird das Ziel definiert: Praktikum, Job oder Ausbildung. Sie besprechen, in welchem Bereich die Tätigkeit sein soll und machen einen Plan, bis wann sie was geschafft haben wollen. Wenn es um Jobsuche geht, wird gemeinsam nach Stellen gesucht und es werden Bewerbungsunterlagen erarbeitet. Manche Geflüchtete wollen sich zusätzlich treffen, um Deutsch sprechen zu üben. Wenn der Mentor bereit ist, macht er auch das. Das Jobmentoren-Programm machen wir zusammen mit Stay Welcome. Zum großen Teil kommen Geflüchtete von dort und wir bringen die Ehrenamtlichen mit ihnen zusammen.

SH: Das Job Mentoring ist eine Möglichkeit des ehrenamtlichen Engagements. Es ist nicht unbedingt zeitaufwändig, dafür aber langfristig angelegt. Dann gibt es eine zweite Möglichkeit. Das sind die EDV-Trainer: Ehrenamtliche, die jede Woche zu den EDV-Kursen kommen und EDV 1:1 vermitteln. Der Rahmen (Uhrzeit und Ort) ist immer festgelegt.

Manche Hindernisse

W-in-M: Auf welche Schwierigkeiten stoßen Geflüchtete während des Bewerbungsprozesses?

RW und SH: Das ist verschieden. Manchmal ist es das fehlende Wissen, was man konkret bei dem Job macht und wie der Arbeitsalltag aussieht. Manchmal ist es fehlende Kenntnis über die verschiedenen Unternehmen. Für einige ist es schwer sich zu orientieren. Es gibt so viele Berufe. Dazu kommt die Sprachbarriere. Oft fehlt auch die technische Ausstattung, um Stellen zu recherchieren und die Bewerbungen zu schreiben. Viele haben keinen Computer und kein Internet. Das erschwert das Bewerbungsverfahren. Die meisten leben in Unterkünften, in denen es keinen Computerraum gibt.

W-in-M: Ist die Aufgabe vom Jobmentor beendet, wenn ein Geflüchteter eine Ausbildung beginnt oder geht es noch weiter?

RW: Wenn sich die beiden gut verstehen, freuen wir uns, wenn der Mentor den Mentee auch nach Beginn einer Ausbildung begleitet. 

SH: In der Ausbildung brauchen viele Geflüchtete zum Beispiel Nachhilfe. Der Mentor muss die Nachhilfe nicht unbedingt selber machen, aber er sollte erkennen, wo der oder die Geflüchtete ein Problem in der Berufsschule hat oder wo es evtl. Probleme mit dem Arbeitgeber gibt, um so früh wie möglich das Problem zu erkennen und Hilfen aufzuzeigen, um einen Abbruch zu verhindern.

RW: Das heißt, wenn Leute sich als Jobmentoren melden, dann definieren wir kein Ende. Ich habe es im Gespräch mit Ehrenamtlichen immer wieder angesprochen, ob sie die Tätigkeit befristen möchten. Diejenigen, mit denen ich zu tun hatte, wollten dies nicht. 

Job-Perspektiven

W-in-M: Für welche Jobs interessieren sich Geflüchtete?

RW und SH: Ganz viel Fachinformatik. Dann auch Pflege, KFZ-Mechaniker, Fitnesstrainer. Wir haben einen Syrer, der bereits in seiner Heimat als Rechtsanwalt gearbeitet hat. Er würde gerne hier auch als Jurist arbeiten. Es gibt immer wieder ein paar Stellen, er ist aber aktuell auch erst einmal mit einem Bürojob zufrieden.

W-in-M: Wonach entscheiden sich Geflüchtete für einen Job?

SH: In der Berufsschule machen sie viele Praktika. So bekommen sie Ideen, welche Berufe es gibt und was ihnen Spaß macht.

RW: Und es gibt verschiedene Fachstellen und Organisationen wie Stay Welcome, die sie unterstützen. Sie werden zu beruflichen Möglichkeiten beraten und welche Ziele realistisch sind. 

W-in-M: Wie lange macht ihr das Programm bereits?

RW: Die Malteser haben eine über 30-jährige Erfahrung in der Flüchtlingshilfe. Früher war das allerdings hauptsächlich Zelte und Feldbetten aufstellen. Das Thema Integration gibt es seit Ende 2015, als Ergänzung zu dem, was bereits gemacht wird.

SH: Projekte zur beruflichen Integration in München, worüber wir gerade gesprochen haben, machen wir seit August/September 2017. Der erste EDV-Kurs begann im Oktober 2017.

W-in-M: Was für Erlebnisse habt ihr in dieser Zeit mit Geflüchteten gemacht?

RW: Bei meinem ersten EDV-Kurs wollten zwei Syrer im Alter von Ende 20 mitmachen. Dann hat sich herausgestellt, dass sie Programmierer sind. Sie dachten, dass sie ihre Computerkenntnisse erweitern könnten – was im Anfängerkurs natürlich nicht der Fall ist. Die beiden kommen heute nicht mehr als Trainees, sondern als Trainer und bringen anderen Geflüchteten EDV bei.

SH: Im November hatten wir eine Veranstaltung „Das Berufsbild der Altenpflege“ und einen Tag der offenen Tür in einem Altenheim organisiert. Wir haben mit 5 Teilnehmern gerechnet, weil sie sich für ein Praktikum oder und eine Ausbildung interessieren. Dann hatten wir plötzlich 40 bis 50 Anmeldungen. Es hat viel mehr Leute interessiert, als wir gedacht haben. Für die Geflüchteten war das Berufsbild völlig neu, aber sie und auch die alten Menschen waren ziemlich begeistert. Die Alten haben sich sehr gefreut so viele Junge zu sehen.

Mentoren gesucht!

W-in-M: Wieviel Zeit muss ein Ehrenamtlicher mitbringen, wenn er Geflüchtete als EDV-Trainer oder Jobmentor unterstützen möchte?

SH und RW: Im Schnitt 2 Stunden pro Woche. Als Jobmentor kann es phasenweise weniger sein, in der Bewerbungsphase auch mehr. Beim Jobmentoren-Programm sind die Treffen flexibel. Wir haben auch Jobmentoren, die immer mal wieder im Ausland sind und dann Kontakt per Skype, WhatsApp oder Mail halten und sich treffen, wenn sie wieder zurück sind. In der Regel ist es nie so akut, dass man sich regelmäßig jede Woche treffen muss. Beim EDV-Kurs dagegen ist die Regelmäßigkeit schon wichtig.

W-in-M: Über welchen Zeitraum hinweg sollte man sich engagieren?

RW: Bei den Jobmentoren haben wir gesagt, dass die Bereitschaft für mindestens sechs Monate da sein sollte. Beim EDV-Kurs geht eine Kursphase in der Regel drei Monate. Danach kann man aufhören oder noch einen weiteren Kurs unterstützen.

W-in-M: Wo können sich Interessierte hinwenden?

SH und RW: Interessierte aus der Stadt und auch aus dem Landkreis können sich sehr gerne direkt an uns wenden: sophie.hedon@malteser.org (Tel.: 0151-11103301) oder rahel.wacker@malteser.org (Tel.: 089-43608532).

W-in-M: Vielen Dank für das Interview!


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AutorIn dieses Artikels

Andreas Voßeler
Freiwilligen-Zentrum Ost