Eintauchen in eine andere Welt! Das ist jetzt total normal!

Leuchtende Beispiele
Annika Kufner vor einer künstlerisch bemalten Wand
13.09.2018

Eintauchen in eine andere Welt! Das ist jetzt total normal!

Wenn das ehrenamtliche Engagement das Gefühl von Normalität vermittelt, dann kann man durchaus sagen, dass es mehr als erfolgreich ist. Zur Woche des Bürgerschaftlichen Engagements (14. – 23. September) gibt Annika Kufner uns einen Einblick in ihr eigenes Engagement in einer Gemeinschaftsunterkunft.

Es ist heiß an diesem Montagnachmittag und Annika Kufner, 36 Jahre, kommt schwungvoll mit dem Rad zu unserem Treffpunkt vor der Gemeinschaftsunterkunft (GU) für Flüchtlinge. Ihr Zeitplan ist straff, aber jeden Montag radelt sie nach ihrer Arbeit als Ingenieurin abends noch in die GU nahe dem Harras, um einem jungen Kurden aus dem Nordirak Nachhilfe in Deutsch zu geben. Am Anfang hatte sie noch Bedenken, „weil in der Unterkunft nur Männer untergebracht sind.“ Aber es ist auch nicht anders, als im Maschinenbau Studium, sagt sie und lacht! Schlechte Erfahrungen mit den Bewohnern hier hat sie keine gemacht. Im Oktober 2017 hat sie ihr Engagement begonnen. Die anfängliche Unsicherheit in Bezug auf das, was einen in einer Flüchtlingsunterkunft erwartet, ist schon längst verflogen. „Das ist jetzt auch irgendwie ein ganz normaler Raum …ehrlich gesagt, wo jeder auch hingehen kann.“ Nachdem wir uns kurz an der Pforte Hallo gesagt und uns als Besucher eingetragen haben, machen wir uns auf die Suche nach einem freien Raum für unser Gespräch. Wir landen in einem hellen, freundlichen Raum mit bunt gestrichenen Wänden, einem Sofa, Tischen und Stühlen, der für Unterricht, Nachhilfe und Gespräche genutzt wird. Durch die geöffneten Fenster hören wir die Züge am Harras über die Gleise rollen und Frau Kufner erzählt, wie sie zu ihrem Engagement gekommen ist.

Engagement mit Herz und Verstand

Engagiert war sie schon als Schülerin, in Sportvereinen der Gemeinde. Mit der Flüchtlingswelle 2015/16 ist die Möglichkeit, sich freiwillig zu engagieren dann wieder mehr in den Vordergrund gerückt. „Es war halt präsent … und ich hab‘ gedacht, ich könnte mich auch kontinuierlich engagieren.“ Bevor sie sich aber für ein Engagement entschieden hat, hat sie gründlich recherchiert, verschiedene Organisationen angeschrieben, auf dem Street-Life-Festival Kontakte geknüpft und sich schließlich im Freiwilligen-Zentrum West der Caritas beraten lassen. Die dortigen Mitarbeiter führen mit interessierten Bürger/innen Beratungsgespräche zum Thema freiwilliges Engagement. Die individuelle Beratung und Vermittlung in ein Engagement, das zur Person und den Lebensumständen passt, stehen dabei im Vordergrund. Von dort hat sie auch die Kontaktdaten des Sozialarbeiters in der GU bekommen. „Die Gespräche mit den Kollegen und auch hier waren total wichtig, weil ich echt nochmals Sachen mitbekommen habe, die waren sinnvoll … und ich konnte auch nochmal ein bisschen Unsicherheiten abchecken.“

Wie bunt das Stadtviertel eigentlich ist!

 „Für mich war es auch wichtig, … dass ich irgendwo hinkomme, wo ich wohne.“ Sie wollte kurze Wege. Nicht noch lange zu einem Termin irgendwo hinfahren. Mit Beruf, Freunden, Freizeit und Partnerschaft bleibt für lange Wege keine Zeit.

Und ganz nebenbei lernte sie auf diese Weise ihr Stadtviertel nochmals aus einem ganz anderen Blickwinkel kennen. „Ich bin meinem Nachhilfeschüler dann auch mal zufällig begegnet. Und da freut man sich, wenn man merkt, man hat außer dem Wohnheim auch noch eine gemeinsame Nachbarschaft. Und man trifft sich einfach mal so.“ Man tauscht sich kurz aus und dann geht jeder wieder seiner Wege. „Zwei bis drei Minuten Smalltalk und dann geht’s wieder weiter“. Der ganz normale Plausch in der Nachbarschaft. „Die Gemeinschaft, also wie bunt das Stadtviertel eigentlich ist. Das wird einem dadurch bewusst.“

Teilhaben am Leben der Anderen

Sich nur in ihrer eigenen Welt bewegen, das war Frau Kufner zu wenig. Sie wollte mit ihrem Engagement auch den eigenen Horizont erweitern. Die Dinge aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Aus einer anderen Perspektive. Wenn es darum geht, was ihr im Engagement am meisten Spaß macht, dann fallen ihr die Erfolge ein, die sie mit ihrem Schützling miterlebt. „Dass ich teilnehme an den Erfolgen. Als das mit dem Ausbildungsvertrag kam, da habe ich mich halt auch gefreut wie ein Schneekönig.“

Frau Kufner ist keine, die vorprescht und schnell persönliche Themen anschneidet. Auch um das Gegenüber nicht zu verunsichern oder in Bedrängnis zu bringen. „Ich bin dann erstmal etwas distanziert“, sagt sie über sich selbst. Aber mit der Zeit und mit steigenden Sprachkenntnissen bekommt man sich gegenseitig immer mehr mit. Es macht Freude zu sehen, wie der Andere immer mehr in der Lage ist, sich auszudrücken und wie damit auch gegenseitiges Verständnis wachsen kann.

Die richtige Balance finden

Auf der anderen Seite erleben Flüchtlinge in Deutschland natürlich auch belastende Situationen. Angst vor Abschiebung, Familienmitglieder, die abgeschoben werden, schwierige Situationen auf Ämtern und Behörden, Briefwechsel mit Anwälten.  „Da ist es wichtig, sich nicht zu viel zuzumuten. Also natürlich habe ich da manchmal geholfen …“ Wichtig war ihr aber auch, sich abgrenzen zu dürfen und zum Beispiel an die Sozialarbeiter in der GU zu verweisen. Die Beratungstermine bis zum Engagement hat sie als kleine Hürde empfunden. Ein Termin im Freiwilligen-Zentrum und noch einer in der GU, bis man endlich loslegen kann.  Aber es lohnt sich, so ihr Fazit. Engagement macht das Leben bunter und bringt einem die Menschen im eigenen Stadtviertel näher!


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AutorIn dieses Artikels

Meike Stahnke
Freiwilligen-Zentrum West